Der Interbankenzins IBOR wird abgeschafft

„Die größte Kapitalmarktveränderung seit der Einführung des Euro“

Der Interbankenzins IBOR, kurz für Interbank Offered Rate, ist ein tragendes Element unseres marktwirtschaftlichen Systems – seit über 30 Jahren. Das hat ein Ende, denn die Referenzzinssätze stehen zwar in vielen Währungen und Laufzeiten zur Verfügung, haben aber auch ihre negativen Seiten. Daher gehören LIBOR, EURIBOR, EONIA & Co. bald der Vergangenheit an. Die Abkehr werde langwierig und schmerzhaft, sie sei aber höchst notwendig, bestätigte die Financial Times vor Kurzem. Problematisch ist dabei, dass die Unternehmenswelt auf diese Veränderung nicht vorbereitet ist.

Abschaffung des Interbankenzinses IBOR - Ernst Russ AG

IBORs sind durchschnittliche Zinssätze, zu denen Banken am Interbankenmarkt Kredite aufnehmen können. Sie sind in verschiedenen Währungen und Laufzeiten verfügbar und spielen in den globalen Finanzmärkten und sowie auch in der Schiffsfinanzierung eine zentrale Rolle, da sich die Konditionen von Krediten, Derivaten, Wertpapieren und Bankeinlagen auf diese Benchmarks beziehen.

Lange Zeit waren sie trotz aller Mängel einfach zu handhaben und schufen eine wichtige Grundlage für den weltweiten Handel mit Finanzprodukten.

Die Interbankenzinsen repräsentieren einen neutralen und risikofreien Kreditzins, ergänzt um einen Aufschlag, der das wahrgenommene Risiko der einzelnen Kreditnehmer widerspiegelt und in Basispunkten ausdrückt.

Das gesamte Exposure des IBOR-Marktes, d. h. der Gesamtwert der Finanzprodukte, die auf IBORs referenzieren, beträgt mehr als 370.000.000.000.000 USD oder kürzer 370 Billionen USD. Trotz der vielen Jahre, in denen die Interbankenzinsen genutzt wurden, wird dieses tragende Element des globalen Währungssystems in Kürze reformiert bzw. abgeschafft – nach Meinung von vielen Finanzexperten die größte Veränderung im Kapitalmarkt seit der Einführung des Euro.

Langwierig, schmerzhaft aber höchst notwendig

Was macht die Abkehr vom herkömmlichen System erforderlich, obwohl der LIBOR als fester Bezugspunkt für viele Finanzinstrumente etabliert ist?

Die IBORs sind international anerkannte Referenzzinssätze des Interbankenhandels, die auch dem Bankgeschäft mit Nichtbanken zugrunde gelegt werden. Als Interbankenzins gilt z. B. der EONIA (Euro OverNight Index Average), der eintägige interbankäre Zinssatz für die Eurozone, zu dem sich verschiedene europäische Banken Anleihen in Euro für einen Tag gewähren. Der EURIBOR (Euro Interbank Offered Rate) bezeichnet die durchschnittlichen Zinssätze, zu denen viele europäische Banken Anleihen in Euro mit Laufzeiten von einer Woche bis zwölf Monate gewähren.

Der LIBOR (London Interbank Off ered Rate), der 1986 offiziell eingeführt wurde, ist einer der am häufigsten genannten Referenzzinssätze der Welt und basiert auf Angaben eines Panels globaler Banken. Jede dieser Banken gibt täglich den Zinssatz an, zu dem sie kurzfristige Kredite von einer anderen großen Bank erhalten kann. Diese Angaben werden anschließend zur Berechnung des LIBOR verwendet. Der LIBOR wird als Referenzzinssatz für eine Vielzahl von Finanzkontrakten verwendet, darunter Derivate, Anleihen und Kredite. Er wird für sieben Laufzeiten von über Nacht bis zu zwölf Monaten und fünf verschiedene Währungen – US-Dollar, Pfund Sterling, Euro, Yen und Schweizer Franken – festgelegt.

Abschaffung des IBORs - Grafik - Ernst Russ AG
Auch wenn Unternehmen zukünftig keine IBORs verwenden, werden nach Ende dieser Referenzzinssätze im Jahr 2021 Verbindlichkeiten und Derivate den IBOR abbilden – und das in Höhe von mehreren Billiarden Dollar

Was wird kommen?

Am 5. März 2021 hat die britische Financial Conduct Authority (FCA) die Einstellung der CHF-, GBP-, JPY­, EUR­ sowie bestimmter USD LIBOR-­Referenzzinssätze zum Ende des Jahres 2021 angekündigt. Bisherige IBORs werden entweder reformiert oder durch sogenannte risikofreie Zinssätze – Risk Free Rates (RFR) oder auch Alternative Reference Rates (ARR) – abgelöst. Seit die FCA die Absicht bekundet hat, den LIBOR abzuschaffen, wurden mehrere Alternativen entwickelt. Dazu gehören die Secured Overnight Financing Rate, bekannt als SOFR, in den USA, der Sterling Over Night Index Average, bekannt als SONIA, in Großbritannien und die Euro Short Term Rate, bekannt als €STR, in der Eurozone. Dabei gilt ein enger Zeitrahmen:

  • Direkt nach dem 31. Dezember 2021 wird die Publikation aller GBP, EUR, CHF und JPY LIBORs eingestellt sowie die Veröffentlichung des USD LIBORs mit Laufzeiten von einer Woche sowie von zwei Monaten,
  • Die Veröffentlichung der Ein-Tages-, Ein-Monats-, Sechs-Monats- und Ein-Jahres-LIBOR-Sätze – die in der Praxis den Großteil der Schiffskredite bestimmen – wird im Juni 2023 eingestellt.

Der EURIBOR (Euro Interbank Offered Rate) als einer der wichtigsten IBORs gehört zu den Referenzzinssätzen, die konform zur EU-Benchmark-Verordnung bis November 2019 reformiert wurden und zunächst noch fortgeführt werden. Die EUR­-Arbeitsgruppe der EZB hat die €STR als Nachfolge-Referenz für den EONIA gewählt. Diese wird seit Oktober 2019 durch die EZB publiziert. Der EONIA wird parallel hierzu noch bis 3. Januar 2022 publiziert und entfällt anschließend.

Warum der Wechsel und wo ist das Problem?

Die Reform der Interbankenzinsen ist in den Mittelpunkt gerückt, weil Manipulationen dieser Zinssätze (Händler hatten den LIBOR durch Absprachen künstlich niedrig gehalten) das Vertrauen in diese Referenzwerte zerstört haben. Zudem fand ein deutlicher Rückgang der Umsätze in den zugrunde liegenden Geldmärkten statt und unterstützte einen Reformprozess, der in allen großen Währungsräumen stattfindet bzw. stattfinden soll. Zusätzlich kam Kritik an der Intransparenz des LIBORs auf. Auf geringen Volumina tatsächlicher Transaktionen basierend und von einer kleinen Gruppe von Bankern festgelegt war dieser Referenzzins nicht mehr geeignet, eine so große Rolle im globalen Finanzwesen zu spielen.

Die Schwierigkeit bei der Abkehr von den IBORs besteht in dem Errechnungswechsel der Benchmarks. Bisher basierte die Feststellung der Interbankenzinsen auf Expertenschätzungen einer Anzahl von Banken, den bereits erwähnten Panel-Banken, und somit nicht direkt auf tatsächlich abgewickelten Transaktionen. IBORs spiegelten zum Teil lediglich die Wahrnehmung der Banken über Finanzierungskosten wider. Die zukünftigen Referenzwerte, Risk Free Rates (RFR) oder Alternative Reference Rates (ARR), sollen soweit als möglich aus tatsächlich getätigten Transaktionen abgeleitet werden. Und in diesem Wechsel liegt das Problem.

Abschaffung des IBOR - Ernst Russ AG - Weltkarte
Alte und geplante neue Bezeichnung der IBORs und der neuen “Risk Free Rates“ (RFRs) bzw. „Alternativen Referenzzinssätze“ (ARRs)

Während die aktuellen IBOR-Fixings es ermöglichen, am Anfang der Periode die nächste Zinszahlung zu bestimmen (Forward-Looking Ansatz), wird der Referenzzins basierend auf den neuen RFRs erst am Ende der Zinsperiode bestimmt (Backward-Looking-Ansatz), da die Feststellung der neuen RFRs auf real getätigten Geschäften basiert. Durch diese Umstellung müssen eine Vielzahl an IT-Systemen und Geschäften sowohl auf Bank- wie auch auf Kundenseite angepasst werden.

Diese Unterschiede werden mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass sich durch ARRs Risikoprofile und Bewertungen für Finanzaufträge in Billionenhöhe ändern. Um diesen Unsicherheiten entgegenzuwirken, sollten Unternehmen bereits vor der Umstellung angemessene Margen für ARRs kalkulieren. Das erfordert eine Neujustierung zahlreicher Finanz- und Risikomodelle. Die Meinung der Marktteilnehmer schwankt zwischen Gelassenheit und Panik: „Es hindert uns nicht daran, Geschäfte abzuschließen, es ist keine Krise, aber es bereitet uns Kopfschmerzen.“ Viele weisen allerdings auf die Probleme mit den bestehenden Verträgen hin: „Jedes dokumentierte Geschäft, das über das Übergangsdatum hinaus besteht, muss geändert werden. Jedes einzelne Geschäft, das jemals in US-Dollar geschrieben wurde!“

Möchten Sie mehr erfahren über dieses vielschichtige Thema? Eine sehr detaillierte und informative Darstellung des Themas finden Sie in den Monatsberichten der Deutschen Bundesbank: „Neue Referenzzinssätze bringen neue Herausforderungen“: https://www.bundesbank.de/resource/blob/829056/7fa7a1ec0710f4c742f6ca9ad0b3ec5c/mL/2020-03-referenzzinssaetze-data.pdf

Weitere Tipps und Informationen finden Sie in dem aktuellen Investor's Quarterly.

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