Schifffahrtsmarkt-Kommentar Q2/2020

Corona Virus – COVID‐19: Auswirkungen auf die Containerschifffahrt

Seit Anfang April ist ein Drittel der Welt im Lockdown und die Zahl der COVID-19-Infektionen steigt auf über 1 Millionen. In der Financial Times vom 27. März 2020 hat Mario Draghi einen sehr guten Leitartikel überschrieben mit der Titelzeile „Wir müssen mobilisieren als wäre Krieg“ veröffentlicht. Die EU und die USA setzen alles daran, unbegrenzte Hilfsgelder der Wirtschaft zur Verfügung zu stellen. Leider ist aber bis heute nicht klar, wie diese Gelder schnell und unbürokratisch bei den keinen und mittleren Unternehmen ankommen können. Aktuell lässt sich beobachten, dass jede nicht staatliche Bank auf dem Weg vom Staat zum Unternehmen auf die Bremse tritt und selbst Haftungen von 10 – 20 % kategorisch ausschließt. Deswegen ist jeder Vergleich mit der letzten Finanzkrise irreführend. 2008 waren es wenige Banken, die Milliarden benötigten, heute sind es Millionen von Firmen, die Zehntausende benötigen. Im Gegensatz zum Virus, das sich schneller verbreitet als ein Buschfeuer, existieren keine einfachen Transmissionskanäle für die Bereitstellung von Finanzierungsmitteln außer mittels Helikoptergeld. Vor diesem Hintergrund steht es außer Fragen, ob wir eine Rezession bekommen, sondern nur noch wie hart die Rezession wird. Viele Unternehmen werden an der Bürokratie zerbrechen, die den Fluss der staatlichen Gelder an die kleineren Unternehmen abbremst. Ökonomisch wird es schlecht werden. Wie schlecht es werden wird, kann bislang noch niemand genau sagen, da wir noch nicht wissen, wie es mit dem Corona-Virus und den Strategien zur Eindämmung weitergehen wird.

Aktuell ist es praktisch unmöglich, Echtzeitdaten zu bekommen, die die Situation in der Schifffahrt angemessen beschreiben. Das Problem besteht darin, dass es nur wenige bis gar keine Zeitreihen zur Schifffahrt gibt, die den Status Quo widerspiegeln. Die ersten Zahlen, die die Effekte der Corona-Krise zeigen, sind die Zeitreihen der Institute ISL/RWI, die den Containerumschlag für Februar in den umschlagstärksten Häfen messen. Der ISL/RWI-Index weist für Februar einen Rückgang von 19 % global aus. Dies ist der kräftigste Absturz seit Beginn dieser Indexrechnung im Jahr 2007. Wollten wir schockierende Nachrichten produzieren, könnten wir an dieser Stelle aufhören. Unser Ziel ist es aber, die Zahlen im Zusammenhang zu betrachten. Jedes Jahr im Februar verzeichnet der Index einen Rückgang – dies ist die typische Saisonalität der Schifffahrt. Typischerweise fällt der ISL/RWI-Index jedes Jahr im Februar um 12 %, im letzten Jahr sogar um 15 %. Mit anderen Worten, dieses Jahr beträgt der zusätzliche Rückgang nur 4 bis 7 Prozentpunkte. Wichtig dabei ist zudem, dass Chinas Hafenvolumen gemäß dem RWI/ISL-Index ebenfalls um 17 % im Vorjahresvergleich gefallen ist. Das bedeutet also, dass die Containermenge im Februar im Rest der Welt konstant war! Dies zeigt auch unsere eigene Analyse von Real-Time-AIS-Daten bis zum Sonntag, den 29. März 2020. Die Daten zeigen, dass die Zahl der Schiffsanläufe in den 500 bedeutendsten Containerhäfen rund um die Welt größtenteils gleich geblieben und insgesamt um nur 4,7 % gefallen ist. In den Schiffsklassen zwischen 1.000 und 5.400 TEU, die größtenteils aus Tramp-Tonnage bestehen, haben sich die Hafenanläufe sogar nur um 3,7 % reduziert. Ansonsten gab es in den letzten zwei Wochen keine größeren Veränderungen.

Ausblick – Was ist jetzt wichtig?

Die politische Herausforderung, die vor uns liegt, besteht darin, eine Depression nach der Rezession zu vermeiden. Weil Corona eine zeitlich begrenzte Tragödie ist, ist es entscheidend im Spiel zu bleiben, bis die Krise zu Ende ist, denn nur dann kann mit der Wirtschaft als Ganzes ein schneller Rebound gelingen. Deswegen sind die fast unbegrenzten Hilfestellungen genau der richtige Weg um auf diese Krise zu reagieren. Ein schneller Rebound, wenn das Gros der Wirtschaft nicht mehr besteht, ist sehr viel unwahrscheinlicher, denn nur Unternehmen, die überleben, können nach der Krise wieder durchstarten.

Aus heutiger Sicht hat China mit dem massiven, zweimonatigen Lockdown die richtige Entscheidung getroffen, um das Virus zu bekämpfen. Vermutlich lässt sich der autokratisch, chinesische Weg nicht einfach für die restliche Welt kopieren. Grundsätzlich tendieren wir in Europa und den USA dazu, später und langsamer zu reagieren. Daher wird ein Lockdown wohl länger anhalten müssen – für Europa sind drei Monate wahrscheinlicher. Außerhalb Europas sind die Gesundheitssysteme mehrheitlich schlechter aufgestellt. So kann es in diesen Gesundheitssystemen durchaus fünf Monate dauern, bis man das Virus unter Kontrolle bekommt. Wie schwer die ökonomischen Verluste sein werden, ist heute Spekulation. Was man als Daumenregel sagen kann: Jeder Lockdown-Monat kostet ca. 3 % des BIP. Zum Schluss die gute Nachricht: Wenn der Lockdown vorbei ist und die wirtschaftliche Erholung beginnt, werden aufgrund von Basiseffekten mindestens 1,5 % BIP-Wachstum zusätzlich hinzukommen.


Liebe Leser – bleiben Sie gesund!
Dr. Thomas Hartwig

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