Schifffahrtsmarkt-Kommentar Q4/2020

Veränderungen im Konsum treiben den Containerverkehr

Für die Wirtschaft war 2020 eine Achterbahnfahrt: Erst Stillstand, dann Aufholjagd, jetzt wieder zurück auf halbe Kraft. Trotzdem läuft die Containerschifffahrt auf Hochtouren wie seit langem nicht. In Corona-Zeiten gibt es keine Kontinuität und Planbarkeit. Wirtschaftliche Prognosen sind unter den jetzigen Umständen noch mühsamer, als sie es ohnehin schon sind. Die jüngste Wachstumsvorhersage des IWF aus dem Oktober ist bereits auch wieder hinfällig. Trotzdem lohnt sich ein Blick, denn die Prognose für das Jahr 2020 für die Weltwirtschaft fällt mit -4,4 % etwas besser aus als noch im Frühjahr. Doch haben sich die Rahmenbedingungen mit der zweiten Pandemiewelle gerade erneut verschlechtert. Im Zuge des abermaligen Lockdowns wirkt die IWF-Prognose inzwischen extrem optimistisch. Auch wenn die Schlagzeile eines Wirtschaftswachstums in Höhe von 8,8 % für das dritte Quartal sich in Deutschland sehr positiv liest, bedarf es einer Relativierung, denn die Wirtschaftsleistung des dritten Quartals liegt absolut gesehen immer noch -4,4 % unter dem vierten Quartal 2019. Es wird wohl bis Ende 2021 dauern, bis die Einbußen aufgeholt sind. Das dürfte genauso für die meisten anderen Volkswirtschaften gelten – Ausnahme: China. Dort hat die Regierung Corona dank drastischer Maßnahmen überwunden und die Wirtschaft mit gigantischen Infrastrukturinvestitionen zurück auf Wachstumskurs bugsiert. Umso erstaunlicher ist der derzeitige Boom in der Containerschifffahrt, der den Linienreedern Rekordgewinne beschert und der längst auch in den allgemeinen Tagesmedien für Schlagzeilen sorgt. Die Entwicklung gibt den Experten Rätsel auf. Die Trends bei Containerverkehr und Weltwirtschaftswachstum lassen sich kaum in Übereinstimmung bringen.

Ernst Russ AG: Marktbericht Schifffahrt

Lange Zeit – vor der Weltfinanzkrise von 2008 – galt die Faustformel: Der globale Containerverkehr wächst zwei bis drei Mal so schnell wie die Weltwirtschaft. Dann ließ die Dynamik stark nach. Im vergangenen Jahrzehnt tendierte das Verhältnis eher Richtung 1 zu 1. Jetzt der erneute Umschwung: Seit dem Sommer verzeichnet der Warenverkehr im Container erstaunliche Zuwächse, die wohl keiner hat kommen sehen. Während die Weltwirtschaft noch offiziell in der Rezession steckt, erreichten die Containerverladungen bereits im dritten Quartal laut Container Trades Statistics (CTS) ein Niveau, das 3 % über dem des Vorjahres lag. Im Oktober erreichte das Mengenwachstum +4,6 % zum Vorjahr. Schrittmacher dieser Entwicklung ist die US-Wirtschaft, deren Importnachfrage schier durch die Decke gegangen ist. Im September bereits machten die Containerverladungen von Fernost nach Nordamerika einen Sprung um +31 % nach oben – gegenüber dem Vorjahr. In Europa sind die Zuwächse moderater. Die CTS-Daten lassen für die Fernost- Europa-Route im September eine Steigerung im Containerversand von +8 % erkennen. Beim Containerumschlag in den Nordrange-Häfen verzeichneten die Forschungsinstitute RWI und ISL in der Schnellschätzung für Oktober ein Plus von 2 %. Wie erklärt es sich, dass plötzlich die Ladungsmengen der allgemeinwirtschaftlichen Entwicklung scheinbar weit vorauseilen? Die Diskussionen darüber kreisen vornehmlich um zwei Faktoren. Erstens eine mögliche Verlagerung des Konsums weg von Dienstleistungen hin zu Waren, die transportiert und umgeschlagen werden müssen. Und zweitens der Wiederaufbau von Lagerbeständen in Industrie und Handel, nachdem die Vorräte zuvor im zweiten Quartal radikal abgebaut worden waren. Das Zusammenwirken beider Trends könnte die Warenströme über See kurzfristig massiv angekurbelt haben. Tatsächlich sind die Lagerbestände im US-Einzelhandel im Verhältnis zum Warenabsatz („Inventoryto- Sales Ratio“) nach Berechnungen des US Census Bureau im Juni um mehr als ein Viertel auf einen Wert von 1,22 eingebrochen. Das ist der niedrigste Stand in der bis Anfang der 90er Jahre zurückreichenden Datenreihe. Bis September hatte sich der Quotient noch nicht erholt. Durchaus plausibel also, dass der Einzelhandel in den USA neue Importrekorde benötigt, um die Bestandspolster zurück auf Normalniveau zu bringen. Zudem tätigen die Verbraucher offensichtlich kompensierende Ausgabensteigerungen für Konsumprodukte in einem nicht zu unterschätzenden Umfang. Will heißen: Das Geld, was aufgrund des Lockdowns nicht für Dienstleistungen (Essen gehen, Reisen, Kultur, Unterhaltung …) ausgegeben werden kann, fließt in materielle Güter von Textilien über Küchenzubehör bis hin zu Renovierungsbedarf.

Da ein Großteil der Produkte in Fernost produziert wird, profitiert das Importgeschäft ganz maßgeblich vom kompensierenden Warenkonsum. Angesichts der erneuten Verschärfung der Lockdowns in den wichtigsten Konsumzentren Nordamerika und Europa könnte dieser Effekt noch eine ganze Weile zum Tragen kommen. An diesem Punkt ist allerdings Vorsicht geboten: Empirisch belegen lassen sich die Konsumverschiebungen bislang nur sehr eingeschränkt. Aus Statistiken der Bundesbank geht hervor, dass die gesamten Konsumausgaben in Deutschland im dritten Quartal noch um -4,7 % unter dem Vorjahresniveau lagen. Allein im Teilbereich der Einrichtungsgegenstände für den Haushalt, der lediglich 29,7 Mrd. EUR des Gesamtkonsums in Höhe von 418 Mrd. EUR ausmacht, gab es einen Anstieg um 2 Mrd. EUR (+7 %). Andererseits staut sich immer mehr Kaufkraft an, die sich irgendwann entladen muss. So ist die Sparquote in Deutschland inzwischen weit über das langfristige Mittel von 10,9 % geklettert. Sie lag im dritten Quartal bei 16,2 % und hatte im zweiten Quartal sogar 21,1 % erreicht. Für den Markt der Containerschifffahrt ist die Transportnachfrage jedoch nur die eine Seite der Medaille. Genauso wichtig ist die Angebotsseite – also die Entwicklung der verfügbaren Kapazitäten, sowohl was Laderaum/Stellplätze als auch was Container/Equipment betrifft. Vor allem der Mangel an Letzterem gilt aktuell als Haupttriebfeder der galoppierenden Preisentwicklung im Frachtgeschäft. Die Containerengpässe hatten sich offenbar schon seit dem Vorjahr angebahnt. Schätzungen zufolge war die Produktion neuer Standard-Container im Jahr 2019 aufgrund der schwierigen Marktverhältnisse auf rund 1,9 Mio. TEU zusammengeschrumpft. 2018 soll das Zubauvolumen noch fast doppelt so groß gewesen sein.

Ernst Russ AG - Marktbericht Schifffahrt

Von Sommer 2019 bis Frühjahr 2020 lag die Produktion deutlich unterhalb des Ersatzbedarfs von schätzungsweise rund 400.000 TEU pro Quartal. Die steigende Nachfrage ab Sommer traf also auf ein schrumpfendes Angebot an Containern. Zwischenzeitlich wurden die Bestellungen bei den Fabriken in Asien zwar kräftig aufgestockt, doch bis zur Ablieferung dauert es einige Monate. Die Kunden der Linienreedereien benötigen die Boxen aber sofort. Hinzu kommt, dass die Produktivität im Containertransport durch Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen in den Häfen, Depots, Lager- und Packbetrieben weiterhin beeinträchtigt ist. Die Rundläufe der Container benötigen mehr Zeit, was im Endeffekt bedeutet: weniger verfügbare Kapazität. Des Weiteren haben die Disparitäten im Ladungsstrom (Imbalances) aufgrund der einseitigen Zuwächse im Export aus China heraus drastisch zugenommen. In Nordamerika nahm der Überschuss an Importladung gegenüber Exportladung im Verkehr mit Asien kürzlich von 1,1 Mio. auf 1,8 Mio. TEU pro Monat zu. Das bedeutet, dass die Linienreedereien eine gewaltige zusätzliche Container- Fehlallokation von 680.000 TEU in den Griff bekommen müssen. Die Positionierung dieser Leercontainer stellt einen riesigen versteckten Transportstrom dar, der enorme Flottenkapazitäten bindet.

In Summe lässt sich feststellen, dass die Kapazitätsengpässe und die Raten- Hausse im Containerverkehr heute nicht nur auf einen Faktor, sondern auf das Zusammenspiel mehrerer Faktoren zurückgehen. Lageraufbau, Veränderungen im Konsum, Abfertigungs- und Produktivitätsengpässe wirken dabei zusammen. Diese Effekte dürften kurzfristig bzw. – abhängig vom weiteren Verlauf der Pandemie – zeitlich begrenzt sein. Was jedoch nicht bedeuten muss, dass der nächste Abschwung schon vor der Tür steht. Vor dem Hintergrund des historisch geringen Neubau-Orderbuchs und der bevorstehenden wirtschaftlichen Erholung und Überwindung der Pandemie stehen die Chancen gut, dass der Containerschifffahrt auch nach der aktuellen Erhitzung einige stabile, ertragreiche Jahre bevorstehen. Die Branche kann mit Optimismus ins nächste Jahr starten.

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