Zahlen bitte! Eine Branche im Umbruch

Werden FinTechs das internationale Bankengeschäft revolutionieren?

Sie möchten von den höheren Zinsen im Ausland profitieren, aber ihre Hausbank bietet keine Anlagemöglichkeit? Sie möchten einen Gutschein verschenken, aber kein Bargeld per Post verschicken? Sie möchten eine Übersicht über Ihre gesamten Finanzanlagen bei verschiedenen Banken auf einen Blick, aber bei Ihrer Bank sehen Sie nur die Konten, die dort geführt werden? Sie möchten sich schnell und unkompliziert Geld leihen, aber Ihr Kundenberater hat erst in der kommenden Woche einen Termin und Ihr Kreditrahmen bei der Bank ist ausgereizt?

Vielleicht sollten Sie sich dann an weltsparen. de, an giftly.com, an figo.io oder an kreditech. de wenden. Das sagt Ihnen nichts? Kein Problem! Diese Unternehmen gehören zu den sogenannten FinTechs. Der Begriff ist eine Kurzform des englischen Begriffs Financial Technology und bezeichnet Start-ups, die seit einigen Jahren den Finanzsektor mithilfe von Digitalisierung und neuen Technologien revolutionieren wollen.

FinTech - Ernst Russ

Laut einer Umfrage im Auftrag der Medianagentur newskontor haben 92 Prozent der Deutschen noch nie von diesen Firmen gehört und können auch mit dem Begriff „FinTech“ nichts anfangen. Also eine Revolution im Verborgenen? Frei nach dem Motto: Stell Dir vor, es gibt Geld umsonst und keiner nimmt es?

Zweistellige Wachstumsraten machen FinTech- Markt für Investoren interessant

Der Markt für FinTech-Produkte und -Firmen entwickelt sich seit Jahren. Vorreiter sind die USA, in Europa gilt London als Zentrum für FinTechs. In Deutschland, Platz 2 im europäischen Ranking, finden sich die meisten Start-ups der Finanzszene in Berlin und Frankfurt.

Der Markt weist beeindruckende Wachstumsraten auf. Im Jahr 2015 wuchs das globale Investitionsvolumen für FinTechs auf 22,2 Mrd. USD, was eine 75%ige Steigerung bedeutet. Deutschland wies 2015 ein rasantes prozentuales Wachstum in diesem Sektor auf: Hierzulande wurden 770 Mio. USD in FinTech-Unternehmen investiert (+840 % gegenüber Vorjahr). Insgesamt verdoppelte sich die Investitionssumme in Start-up-Unternehmen in Deutschland von etwa 1,6 Mrd. EUR im Jahr 2014 auf 3,1 Mrd. EUR 2015 (nach einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young). Auch wenn die Investitionen in FinTechs laut einer Studie von KPMG im Jahr 2016 aufgrund der Unsicherheiten an den Finanzmärkten erheblich zurückgegangen sind, werden die Entwicklungschancen für FinTechs langfristig sehr positiv eingeschätzt.

FinTechs machen Finanzgeschäfte für den Kunden bequemer

FinTechs nutzen innovative Technologien, um Finanzdienstleistungen anzubieten, die sich vom Angebot der Banken abheben und den Umgang mit Geld und Finanzanlagen vereinfachen. Sie richten sich dabei sowohl an Endkunden als auch Firmenkunden. Das können auch traditionelle Banken sein. Die Angebote, die diese Unternehmen entwickeln, sind in der Regel internetbasiert und anwendungsorientiert. FinTechs zielen darauf ab, den Kundennutzen durch leichte Bedienbarkeit, Effizienz, Transparenz oder Automatisierung zu erhöhen. Klassische Banken nutzen die Potentiale, die sich durch die Internettechnologie ergeben, oftmals nicht aus und bieten so den neuen jungen Unternehmen eine Marktlücke.

Zu FinTechs zählen aber nicht nur Unternehmen, die sich im klassischen Bankgeschäft tummeln, sondern auch solche, die Dienstleistungen in der Versicherungsbranche oder dem Immobiliensektor anbieten.

Grundsätzlich lässt sich die Branche entsprechend der zugrundeliegenden Geschäftsmodelle in vier große Segmente unterteilen. Es handelt sich hierbei um Finanzierung, Vermögensmanagement, Zahlungsverkehr und sonstige FinTechs (z. B. Versicherungen). Die Grafik (siehe oben) gibt einen Überblick.

In einer Untersuchung des Bundesfinanzministeriums, die im Oktober 2016 präsentiert wurde, wird das Gesamtmarktvolumen für Fin- Techs in den Bereichen Crowdfunding, Kredite und Factoring, Social Trading, Robo Advice, Anlage und Banking mit 2,2 Mrd. EUR angegeben. Vor dem Hintergrund, dass die Internetnutzung und die Nutzung von Online-Banking in Deutschland und auf der Welt weiter wachsen werden, kann man davon ausgehen, dass auch das Gesamtmarktvolumen für FinTechs wachsen wird. Junge Menschen nutzen vermehrt internetbasierte Dienste, sei es beim Kauf von Konsumgütern, beim Lesen von Nachrichten, beim Kommunizieren. Sie erwarten niedrigschwellige Angebote – in der Anlage ihres Geldes sowie im Umgang mit ihren Banken und Finanzdienstleistern.

Und das ist die Stärke der FinTechs. Weltsparen. de aus Berlin zum Beispiel. Das Unternehmen vermittelt Festgelder im Ausland. Durch Transfers von Fest- und Tagesgeld deutscher Sparer ins Ausland können teilweise höhere Zinsen realisiert werden. Klassische Banken bieten dieses Geschäft häufig nicht an, und wenn, ist es kompliziert und für Kleinsparer teilweise gar nicht möglich. Mit Weltsparen.de können auch geringere Beträge angelegt werden – und das relativ einfach. Dass die Bonität der vermittelten Banken teilweise schwer einschätzbar ist, scheint die angeblich mehr als 50.000 Kunden von Weltsparen.de nicht zu stören. Tamaz Georgadze, Geschäftsführer des Start-ups, sagte in einem Interview der Zeitschrift Capital, dass seine Firma allein in 2016 Spareinlagen in Höhe von 1,2 Mrd. EUR transferiert habe.

Einen anderen Fokus hat Kreditech.de. Das Hamburger Start-up vermittelt Kredite über das Internet. Hier gibt es keine zeitaufwändigen Gespräche mit Bankberatern und die Kreditnehmer werden mit Hilfe von Algorithmen auf ihre Bonität überprüft. Dafür werden die Spuren verfolgt, die die potentiellen Schuldner im Internet hinterlassen haben – für Datenschützer ein sicher zweifelhaftes Vorgehen. Die Darlehen, häufig Kurzläufer mit einer hohen Verzinsung, werden online vergeben. Alexander Graubner- Müller, der Kreditech.de leitet, rechtfertigte die hohen Zinsen für die vergebenen Kredite gegenüber dem ZEITmagazin damit, dass sein Unternehmen diejenigen bediene, die bei klassischen Banken keine Kredite erhalten würden. Er findet Unterstützung für seine Argumentation bei der Weltbank, einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen, die 10 Mio. EUR in Kreditech.de investierte.

FinTechs und Banken können von Konkurrenten zu Partnern werden

Die Start-up-Unternehmen der FinTech-Branche kommen aber auch langsam in der realen Welt an. In den USA ging die Gründung der Unternehmen, die die klassische Finanzbranche angreifen – sogenannte disruptive / kompetitive Unternehmen – in der Zeit von 2010 bis 2015 bereits zurück, während sie in Europa noch stieg. Mit zunehmender Marktentwicklung steigt folglich die Zahl der an Kooperation interessierten Unternehmen, wenn man nach den Entwicklungen in Europa, Asien und den USA urteilt. Denn die klassischen Banken lernen durch die Fin- Techs dazu. Sie überprüfen ihr eigenes Technologieangebot und kooperieren zunehmend mit den jungen Konkurrenten.

Beide Seiten haben erkannt, dass sie zusammen stark sein können. Die Start-ups profitieren von der Marktposition und dem Prozess- und Regulationswissen der Großbanken. Und die Banken gewinnen durch Kooperation mit den FinTechs Wissen in den Bereichen Digitalisierung hinzu und schärfen ihren Blick für Kundenorientierung und Schnelligkeit. So investiert die Commerzbank beispielsweise in den Main Incubator und die Deutsche Bank hat die Digital Factory in Frankfurt gegründet. Die Deutsche Bank setze voll auf Technologie, sagte Deutsche Bank Chef John Cryan im Januar in Davos dem Handelsblatt und werde innovativer werden. Das sei auch auf den Druck der FinTechs zurück zu führen. Sein Vorgänger, Anshu Jain, hat den Schritt auf die andere Seite getan und arbeitet für ein FinTech- Unternehmen in den USA, das sich mit der Finanzierung von Studentenkrediten befasst. Auch auf diese Weise kann sich die alte Finanzgarde mit der jungen neuen Welt verbinden.

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