Im Wettbewerbskampf werden die Hafenumschlagplätze massiv vergrößert

In den letzten Monaten und Jahren erweiterten viele Ostsee-Häfen ihre Umschlagplätze und machten es auch für größere Schiffe möglich, ihre Kajen anzulaufen. Einige Projekte sind umgesetzt oder zumindest gestartet und andere, zum Teil sehr ambitionierte Neu- und Umbauten sind noch in der Planungsphase. Der Anstieg der Gesamtzahl an Flächenerweiterungen von Hafenanlagen belegt aber, dass die Betreiber umdenken. Von den deutschen Ostseehäfen bis zu den Häfen im Baltikum und vor St. Petersburg wird die steigende Bedeutung dieser maritimen Wirtschaftszone wahrgenommen – unterstützt durch aktuelle Prognosen, die einen Anstieg der Güterströme in diesem Gebiet ankündigen. Schon heute macht sich ein starker Kaskadeneffekt bemerkbar, bei dem kleinere durch größere Tonnage verdrängt wird, da sie günstigere Frachtraten bieten kann.

Hafen Rostock
Hafen Rostock: Im Jahr 2019 sind im Überseehafen Rostock insgesamt 25,7 Millionen Tonnen Güter umgeschlagen worden. Copyright: Adobe Stock, Sliver

Deutsche Häfen - RoRo-Liegeplätze für größere Schiffsklassen

In vielen deutschen Häfen stehen die RoRo-Verkehre im Fokus. In Lübeck wird daher der Ausbau des Skandinavienkais vorangetrieben. Am größten Terminal der Lübecker Hafen-Gesellschaft (LHG) wird die Fläche für RoRo-Ladung erweitert und eine Logistikhalle errichtet. Eine weitere Baustelle befindet sich auf dem Lübecker Terminal Seelandkai. Hier wird die Fläche um 10.000 Quadratmeter vergrößert.

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Für mehr als 100 Mio. EUR will der Bund in Rostock die etwa 15 Kilometer lange Hafenzufahrt auf 16,5 Meter vertiefen - Beginn im Jahr 2021, Dauer etwa zweieinhalb Jahre.

Auch im Kieler Hafen zielt die Umgestaltung des Ostufers auf den RoRo-Verkehr, auf die rollende Ladung, Container, Projektladungen und Forstprodukte. Gut acht Millionen Euro wurden investiert, um logistische Abläufe zu optimieren und die Vorstaubereiche für Lkw und Trailer deutlich auszuweiten.

Rostock, der größte deutsche Universalhafen der Ostsee, hat 2019 so viel wie noch nie in einem Jahr in die Entwicklung und den Ausbau der Hafeninfrastruktur investiert. RoRo-Verkehre sollen auch künftig reibungslos und schnell abgewickelt werden, wichtig sind hierfür ausreichende Vorstellflächen, insbesondere Standspuren für Fahrzeuge in unmittelbarer Nähe zum Liegeplatz. Mit 40 Mio. EUR erreichte das Investitionsvolumen des Rostocker Überseehafens 2019 ein neues Rekordniveau. Für das laufende Jahr plant der Hafen Ausgaben in Höhe von 30 Mio. EUR. Zurzeit werden Ausbauten im Fähr- und RoRo- Bereich abgeschlossen, so dass auch die großen Schiffe der neuen Generation bei einer Tiefe von maximal 16,50 Meter festmachen können. Vorausgehen soll zuvor die Vertiefung des etwa 15 Kilometer langen Seekanals. Schiffe mit einem Tiefgang von 15 Metern sollen ihn dann sicher befahren und den Hafen Rostock anlaufen können – angesichts zunehmender Schiffsgrößen mit steigendem Tiefgang eine massive Stärkung des Logistikstandortes Mecklenburg-Vorpommern.

Der Hafen von Aarhus
Der Hafen von Aarhus: Auf einer Fläche von 260 Hektar mit neun Kilometer Kai arbeiten rund 5000 Beschäftigte in etwa 150 Privatunternehmen. Copyright: Photographer - Joergen Weber

Aarhus Port – Neues Land am Meer

Dänemarks größter Containerhafen, Aarhus, hat eine sehr günstige Ostsee-Lage. Das Kernprojekt der Hafenerweiterung in Aarhus, dessen Baustart langfristig für das Jahr 2021 geplant wurde, ist ein neuer Außenhafen an der östlichen Flanke des Universalports. In zwei Bauetappen sollen bis zu 140 Hektar neues Land am Meer geschaffen werden. Dieser zusätzliche Flächenbedarf wird zukünftig erwartet und beruht unter anderem auf der Prognose, dass Dänemark in Zukunft weniger, aber größere Häfen haben wird und sich die Güterströme auf Aarhus fokussieren werden.

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Zweitgrößter Hafen und größter Containerhafen Dänemarks mit einer Wassertiefe von bis zu 14 Metern, einer Fläche von 260 Hektar und einer Kailänge von neun Kilometern.

Auf der neuen Fläche mit einer Kailänge von 2,2 Kilometern sollen Containerschiffe abgefertigt werden, aber auch RoRo-Schiffe, Bulker und Spezialschiffe für Projektladung wie Windkraftanlagen. Aarhus schlägt bis dato jährlich acht Millionen Tonnen Güter um. Aarhus blickt auch weiterhin positiv in die Zukunft, da zu den bislang guten Zahlen eine weitere Containerschiffslinie hinzukommen wird, die ihren regelmäßigen Betrieb aufnehmen wird. Die Greenland’s Royal Arctic Line wird zusammen mit dem isländischen Containerschifffahrtsunternehmen Eimskip, das bereits für einen beträchtlichen Anteil am Umschlag des Hafens verantwortlich ist, den Linienverkehr aufnehmen.

Trelleborg – Ausbau des Logistikdrehkreuzes in mehreren Phasen

Wie auch in Aarhus ist in Trelleborg der Ausbau des stadtnahen Hafens eng an die Entwicklungspläne der Kommune gekoppelt. Und wie auch in Deutschland ist der Import und Export von schwedischen Gütern stark abhängig von der maritimen Wirtschaft. Rund 90 % der Importe und Exporte werden in den Häfen umgeschlagen. Der Hafen in Trelleborg ist Skandinaviens größter RoRo-Hafen sowie Schwedens zweitgrößter Hafen insgesamt und allein durch seine geografische Lage strategisch optimal gelegen für Schweden und Europa.

Trelleborg ist seit langer Zeit im Ausbau- Modus. Bislang wurden in einer ersten Phase bis zum Jahr 2014 neue Wellenbrecher, ein neues intermodales Terminal und ein neues Fähren-Terminal für längere Schiffe gebaut. Bis 2025 wird der weitere Hafenausbau der Ausbauphase 2 vollständig beendet sein, wenn es nach den bisherigen Planungen geht, zu denen u. a. zwei neue Liegeplätze, ein neue Umschlaghafen sowie ein neuer Hafenzugang mit Zugangsstraße gehören. Zudem wird das Hafengelände in südöstlicher Richtung verlagert und durch Aufschüttungen ausgedehnt. Ein großer Teil dieser Pläne sind bereits umgesetzt, sodass der südschwedische Hafen, der mit mehr als einer Million Ladeeinheiten einer der wichtigsten Drehkreuze im Fährund RoRo-Verkehr zwischen Skandinavien und Kontinentaleuropa ist, seine gute internationale Position wahren kann.

Der Hafen von Trelleborg
Der Hafen von Trelleborg: Der zweitgrößte schwedische Hafen nach Göteborg erweitert nicht nur die Nutzfläche, er verlagert sie auch nach Südosten, um langfristig mit dem Verkehr fertig zu werden. Copyright: Trelleborgs Hamn AB, BertilHagbergSesamphoto

Tallinn, Gdansk/Gdynia - Massive Erweiterungen

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Der Zentralhafen der 1000-jährigen Stadt wird für 2,8 Mrd. EUR mit neun Terminals ausgestattet, die im Jahr 2029 den Betrieb aufnehmen sollen.

Der baltische Hafen in Tallinn hat für seine Frachthäfen Muuga Harbour und Paldiski South Harbour ehrgeizige Ausbaupläne in Angriff genommen. Bis zum Jahr 2023 entstehen in Muuga ein LNG-Bunker-Terminal und der Industriekomplex „Food Production and Logistics“. In Paldiski ist ein Kai für Projektladung und auf 34 Hektar der Neubau eines Zentrums zur Holzverarbeitung geplant.

Das 1000 Jahre alte Gdansk (Danzig) und das wenige Kilometer im Norden gelegene Gdynia erweitern ebenfalls ihre Umschlagsflächen massiv durch Tiefseehäfen, die die weltgrößten Containerfrachter anlaufen können. In Gdynia sollen dadurch jährlich 2,5 Mio. TEU umgeschlagen werden, der Hafen wird hierfür auf der Basis der bereits existierenden Kajen Śląskie und Szwedzkie ausgebaut und weit über die bisherigen Wellenbrecher hinausreichen und um die Fläche von 151 Hektar vergrößert. Der Zentralhafen von Gdansk wird nach den Plänen für 2,8 Mrd. EUR mit neun Terminals ausgestattet, von denen die ersten im Jahr 2029 den Betrieb aufnehmen sollen.

Der Hafen von Gdynia
Von Lübeck über Gdynia (Foto) hoch bis nach St. Petersburg im Nordosten werden die Ostsee-Häfen ausgebaut. Die Zukunft gehört den Häfen, die sich heute auf die ansteigenden Warenströme vorbereiten. Copyright: Port of Gdansk/Gdynia/Kacper Kowalski

Infrastrukturprojekte erhöhen im Norden den Umschlag

Insgesamt sind dies enorme Infrastrukturprojekte, viele weitere sind in Planung.

Nahezu alle wichtigen Häfen an der deutschen und polnischen Ostseeküste sowie in Skandinavien und im Baltikum haben auf die Koordinatenverschiebung bzgl. des verstärkten Charteraufkommens und der ansteigenden Größen der anlaufenden Frachtschiffe mit einschneidenden Entwicklungsplänen reagiert, bei denen Hafenareale im großen Ausmaß künstlich durch vorgelagerten Neuflächen erweitert werden – gute Nachrichten für einen Wirtschaftsbereich, in dem es in den letzten Jahren zu viele schlechte Nachrichten gab.

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