Die Renaissance der Kohle?

Der Pariser Weltklimavertrag wurde 2015 als Durchbruch zur Klimarettung gefeiert. Zwei Jahre später sind weltweit 1.600 neue Kohlekraftwerke geplant. Das eine scheint Wunschdenken, das andere Realität.

Die Renaissance der Kohle? Ernst Russ AG

Der Mensch atmet es aus, Pflanzen nehmen es auf und wandeln es neben anderem in Sauerstoff um: Kohlendioxid. Eigentlich eine geniale Erfindung der Natur, doch wie meistens im Leben kommt es auf die Dosierung an. Denn gelangt CO₂ in zu großen Mengen in die
Luft, wird es zum Problem.

Den höchsten CO2-Ausstoß bei der Stromerzeugung verursachen Stein- und Braunkohle-Kraftwerke. Die Kohle gilt vielen als Relikt aus der Zeit der Industrialisierung – gleichzeitig liegt sie beim weltweiten Primärenergieverbrauch auf Platz zwei hinter dem Erdöl. Doch bevor der weltweite Strombedarf hauptsächlich aus alternativen Quellen gewährleistet werden kann, wird Kohle als Brückentechnologie unverzichtbar bleiben – so das Argument der Kohlebefürworter. Ihre Begründung: Als einziger Primärenergieträger kann nur die Kohle auf Jahrzehnte hinaus das Wachstum der Stromnachfrage verlässlich ermöglichen.

Primärenergie

Der Begriff Primärenergie bezeichnet die Energieart und -menge, die den genutzten natürlichen Quellen entnommen wird: Wenn aus Erdöl in einer Raffinerie Benzin und Dieselkraftstoff gewonnen wird, treten hierbei Energieverluste auf. Die Energie des ursprünglichen Erdöls wird hier als die Primärenergie bezeichnet, die verbleibende Energie im Kraftstoff ist Sekundärenergie. In Wärmekraftwerken wird elektrische Energie mit Wärmekraftmaschinen aus Wärme erzeugt, die z. B. durch Verbrennung von Kohle gewonnen wird. Die Primärenergie ist die Energie der Kohle, die weitestgehend in Wärme umgewandelt werden kann.

Fakt ist, dass aktuell weltweit mehr als 1.600 Kohlekraftwerke geplant und gebaut werden. Das erstaunt, wo doch die Abkehr von fossilen Energieträgern seit Jahren im Fokus zu stehen scheint. Warum ist das so und wie passt das zusammen mit dem international geführten Kampf gegen den Klimawandel?

In Kohle wird kräftig weiter investiert

Der weltweite Energiebedarf soll bis 2040 um 30 Prozent zulegen – allen Sparmaßnahmen zum Trotz. Der Zuwachs entspricht dem heutigen Bedarf von China und Indien zusammen, das erläutert die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem aktuellen World Energy Outlook. Während der Energiebedarf in Europa, den USA und Japan sinkt, gibt es vor allem in Indien und China einen massiven Bedarfszuwachs. Der steigende Energiebedarf bleibt nicht ohne Folgen: Trotz des Pariser Klimaabkommens von 2015 planen Unternehmen weltweit den Neubau von über 1.600 Kohlekraftwerken – ein Teil davon ist bereits im Bau.

Das geht aus einer Studie der Umweltschutzorganisation urgewald e. V. aus Juni 2017 hervor. Die Neubaupläne betreffen 62 Länder. Darunter sind auch Projekte in Deutschland, wie das neue Steinkohlekraftwerk in Datteln am Dortmund-Ems-Kanal – seit 2007 errichtet von den Uniper Kraftwerke GmbH, vormals E.on Kraftwerke GmbH. Auch RWE hält am Planungsverfahren zum Bau eines neuen Kraftwerksblocks am Standort Niederaußem in NRW fest. Die Datenbank der Website www.coalexit.org nennt die 120 größten und wichtigsten Entwickler von Kohlekraftwerken. Allein diese seien für etwa zwei Drittel der Neubaupläne verantwortlich, und zwar in 957 Projekten an 473 Standorten. Würden alle 1.600 Kohlekraftwerke tatsächlich gebaut, würde das die derzeitige Kapazität von Kohlekraftwerken weltweit um über 40 Prozent erhöhen.

"Wenn diese Kraftwerke gebaut werden, werden wir die Klimaschutzziele nicht erreichen“,

Heffa Schücking, Geschäftsführerin von urgewald e. V.

Wie abhängig ist Deutschland von der Kohle?

Die Stromerzeugung in Deutschland stammt 2017 zu rund 40 Prozent aus Braun- und Steinkohle. Zum Vergleich: 1990 produzierte Deutschland noch gut 57 Prozent seines Stroms aus der Kohle. Ersetzt wurde sie hauptsächlich durch Erdgas und Erneuerbare Energien. Aus der jüngsten Kraftwerksliste der Bundesnetzagentur geht hervor, dass in Deutschland in diesem Jahr 201 Kraftwerke am Netz waren, deren einziger oder wesentlicher Energieträger Braun- oder Steinkohle war. Die meisten dieser Kraftwerke gehören den vier Energieriesen RWE, Vattenfall, E.on und EnBW; von den übrigen Kraftwerken befinden sich viele in der Hand kleinerer Unternehmen oder gehören zu Stadtwerken. Interessantes Detail: E.on und RWE haben ihre konventionellen Energiesparten in eine Art Bad Bank ausgelagert und klar vom Geschäft mit erneuerbaren Energien getrennt.

Tauwerk - Seiler - Ernst Russ AG
2025: Ausbauziele der Bundesregierung laut Erneuerbare-Energien-Gesetz 2017

Braunkohle: Marktführer Deutschland

Laut Umweltbundesamt ist Braunkohle der bedeutendste Energieträger, der in Deutschland vorkommt. Die deutschen Braunkohlekraftwerke produzieren Strom in direkter Nähe zu den Braunkohlenvorkommen im Rheinland sowie im Gebiet der neuen Bundesländer im Mitteldeutschen und im Lausitzer Revier. Ein Großteil der Elektrizität fließt ins benachbarte Ausland. Deutschland, mit knapp 172 Mio. Tonnen in 2016 größter Braunkohleförderer der Welt, ist zugleich größter Exporteur von Braunkohlestrom (Quelle: Statista).

1 TWh =
1 Terawattstunde =
1000 Gigawattstunden (GWh) =
1 Million Megawattstunden (MWh) =
1 Milliarde Kilowattstunden (kWh)

Deutsche Steinkohlekraftwerke produzieren Strom in den Steinkohlen-Bergbaurevieren Ruhr- und Saarrevier sowie entlang der Binnenwasserstraßen und in Küstenregionen, wo es günstige Transportmöglichkeiten für Importsteinkohle gibt. Allerdings war der Steinkohleimport 2016 mit 53 Mio. Tonnen mehr als 13-mal so hoch wie die deutsche Fördermenge von vier Mio. Tonnen. Deutschlands Importmenge ist damit zwar das erste Mal seit Jahren zurückgegangen, trotzdem ist Deutschland nach Angabe des Verein der Kohleimporteure immer noch mit Abstand die größte Steinkohlenimportnation Europas.

Hohe Exportüberschüsse beim Strom

Im Jahr 2016 lag der Nettostromverbrauch laut vorläufigen Angaben bei rund 525 Terawattstunden (TWh) (Quelle: Statista). In einem Gutachten für die Bundestagsfraktion der Grünen zum Kohlestromexport vom August 2017 ist zu lesen: In den letzten fünf Jahren haben sich die deutschen Stromexportüberschüsse fast verzehnfacht, von 6,3 auf 53,7 TWh – das entspricht etwa der gesamten Stromerzeugung der fünf größten deutschen Atomkraftwerke im Jahr 2016. 2017 werden es vermutlich sogar 60 TWh sein. Die Untersuchung zeigt, dass die Exporthöhe vor allem dadurch zustande kommt, dass seit 2009 konstant viel Strom aus Braun- und Steinkohle erzeugt wird. Abnehmer des deutschen Kohlestroms sind fast alle Nachbarländer: Frankreich, die Niederlande, Dänemark, Österreich, die Schweiz, Tschechien oder Polen. Ein Exportüberschuss in dieser Höhe verschafft Deutschland natürlich eine gewisse Sicherheit. Denn es könnte ein ungelöstes Problem geben, und zwar beim Stichwort Versorgungssicherheit.

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US-Präsident Donald J. Trump beteiligt sich an der Diskussion um den Energieträger Kohle auf seine ganz eigene Art und Weise

Ist die Versorgungssicherheit in Deutschland stabil?

Der Anteil der Erneuerbaren Energien an der deutschen Stromversorgung steigt kontinuierlich – allerdings ist die Stromproduktion aus Wind- und Sonnenenergie nicht leicht zu kalkulieren. Es gibt hierzulande immer wieder Tage und Wochen ohne Wind oder Sonne, außerdem kann der Strom aus Wind- und Sonnenenergie nur schwer gespeichert werden. So ist bei RWE zu lesen: „Hocheffiziente, fossil gefeuerte Kraftwerke werden trotz aller Fortschritte bei den regenerativen Energien auf absehbare Zeit die zuverlässige Stromversorgung sicherstellen müssen.“

Zwar sei es unstrittig, dass der Anteil der Kohle an der Stromerzeugung schrittweise verringert werden müsse: „Allerdings schaffen wir das nur, wenn gleichzeitig die Energieversorgung sicher und bezahlbar bleibt“, erklärt Stefan Kapferer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft im Handelsblatt. Die Tatsache, dass in den kommenden Jahren ohnehin viele konventionelle Kraftwerke vom Netz gehen, führe zu der Frage, wie ab den 2020er Jahren genügend sichere Stromerzeugungskapazität bereitgestellt werden kann, so Stefan Kapferer. Die letzten Atomkraftwerke werden 2022 in Süddeutschland abgeschaltet – die Nord-Süd-Stromleitungen sind bis dahin aber noch nicht fertig ausgebaut. Südlich der Main-Linie könnten daher sogar neue Kraftwerke nötig sein. Gleichzeitig bestehen derzeit zumindest nördlich der Main-Linie und vor allem im Osten Deutschlands Überkapazitäten. Hier könnten nach Einschätzung von Experten aus Umwelt- und Wirtschaftsministerium zusätzliche Kraftwerke abgeschaltet werden.

Eine Expertise des Bundeswirtschaftsministeriums und der Bundesnetzagentur vom November 2017 geht sogar noch weiter. Darin heißt es, ein Großteil der Kohlekraftwerke habe heute eine belastende Wirkung auf das Netz. Grund hierfür sei die extrem hohe Netzauslastung in Deutschland, wo deutlich mehr Kraftwerke am Netz sind, als zur Versorgung der Bevölkerung gebraucht werden. Die Kohlekraftwerke laufen quasi das ganze Jahr hindurch – wenn dazu noch der Strom aus Wind- und Solaranlagen eingespeist wird, stößt das Stromnetz an seine Grenzen. Folge sei eine aufwendige und teure Netzregulierung, die über die Netzgebühren letztendlich vom Verbraucher finanziert werde. So führe eine Stilllegung von sieben Gigawatt Kohlekraftwerken nach Auffassung der Experten nicht zu einer Gefährdung der deutschen Versorgungssicherheit. Das würde 12 bis 15 mittelgroßen Kraftwerksanlagen entsprechen.

Ein weiterer Twitter-Beitrag des 45. US-Präsidenten zum Thema Kohle

Kohle als Atomalternative

Doch zurück zu den Kohlebefürwortern: Neben dem Thema Versorgungssicherheit führt dieses Seite stets an, dass die Kosten von Kohleenergie kalkulierbar seien und dass Kohle im Gegensatz zur Atomkraft keine langfristige Lagerung gefährlicher Abfallstoffe erfordere. Zudem profitiere die Umwelt davon, dass moderne Kraftwerke neben einen höheren Wirkungsgrad einen geringeren CO2-Ausstoß verursachen. Dank neuer Kraftwerke könnten alte "Rußschleudern" abgeschaltet werden.

RWE-Vorstandschef Rolf Martin Schmitz wirbt im Handelsblatt dafür, die Ziele Klimaschutz, Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit gleichrangig zu verfolgen. Basis für unsere Volkswirtschaft sei eine sichere und bezahlbare Energieversorgung, an der viele Arbeitsplätze hängen. Auch Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl warnt vor den ökonomischen Risiken eines Ausstiegs: „Ein überhasteter Ausstieg aus der Kohleversorgung hätte Strompreissteigerungen zur Folge.“ Die energieintensive Industrie rechne im Falle eines raschen Kohleausstiegs mit einem Stromkostenanstieg von bis zu 30 Prozent. Dabei zählen die Strompreise in Deutschland bereits heute inklusive aller Abgaben zu den höchsten Europas. Ein internationaler Blick auf die Kohle Vergleicht man Europa mit Asien, ist Kohle in Europa eindeutig auf dem Rückzug. Vor allem Unternehmen in Asien scheinen sich vom Klimaschutz nicht bremsen zu lassen. Rankingführer der größten Kohlekraftwerksbetreiber ist laut urgewald e.V. die indische National Thermal Power Corporation (NTPC). Das Unternehmen plant Kohlekraftwerke in Indien und Bangladesch mit einer Kapazität von insgesamt 38.000 Megawatt.

Auf den nächsten Plätzen folgen sechs chinesische Firmen: China Datang, China Guodian, China Huadian, China Huaneng, Shenhua und SPIC. Trotz seiner Ambitionen beim Klimaschutz setzt China weiterhin auf die Kohle: Von den aktuell 1.600 weltweit geplanten Kraftwerksprojekten beträgt der Anteil chinesischer Bau-Unternehmen 45 %. Jedes siebte dieser Kraftwerke soll außerhalb Chinas errichtet werden, und zwar in anderen asiatischen Ländern sowie in Afrika. „Wenn die chinesische Regierung tatsächlich eine Vorreiterrolle beim Klimaschutz spielen möchte, dann muss sie ihre Staatskonzerne, die die Welt mit neuen Kohlekraftwerken fluten, dringend zügeln“, sagt Trusha Reddy vom International Coal Network, einer weltweiten Klimaschutzallianz. Beim Pariser Klimagipfel hatte sich die chinesische Regierung verpflichtet, 2030 den Höhepunkt des CO2-Ausstoßes zu erreichen, den so genannten "Peak CO2". Ab 2030 soll der CO2-Ausstoß dann zurückgehen. Auch andere asiatische Länder wie Südkorea oder Japan sind eifrig dabei, wenn es um neue Kohlekraftwerke geht. Der japanische Marubeni-Konzern ist an Joint Ventures beteiligt mit insgesamt über 13.000 Megawatt neuer Kraftwerksleistung in neun Ländern, darunter Botswana, Ägypten, die Mongolei und
Myanmar.

Wo geht die Reise hin?

Im vergangenen November fand in Bonn die jährliche UN-Klimakonferenz statt. Bereits im Vorfeld war Kohle ein zentrales Thema. Die Ergebnisse der diesjährigen Konferenz werden sicherlich nicht in die Geschichtsbücher eingehen. Was die Kohle angeht, hat der Gipfel zu folgendem Resultat geführt: Rund 20 Länder, darunter Frankreich, Großbritannien, Italien, Kanada und die Niederlande, haben sich zum Ausstieg aus der Kohleenergie verpflichtet. Die Länder wollen schrittweise alle herkömmlichen Kohlekraftwerke vom Netz nehmen. Die britische Regierung erklärte, bis zum Jahr 2025 alle Kohlekraftwerke abschalten zu wollen. Gleichzeitig lehnen die Länder den Bau neuer Kraftwerke ohne Möglichkeit zur unterirdischen CO2-Speicherung (CCS) ab. Wohin in Deutschland die Reise in Sachen Kohle geht, wird die kommende Legislaturperiode zeigen. Bislang hat sich Deutschland nicht zum Kohleausstieg bekannt.

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