Crowdfunding: Die Menge macht's!

Immer mehr Projekte werden international durch Crowdfinanzierung realisiert.

Wollten Sie schon immer eine verrückte Geschäftsidee in die Tat umsetzen und Ihnen fehlte das Geld? Kennen Sie den Gedanken: „Ich weiß, dass es funktionieren würde, aber das finanziert mir keiner – erst recht keine Bank“? Mit derartigen Gedankenspielen sind Sie nicht allein und seit einigen Jahren sind die Chancen dafür gestiegen, dass sich besonders kreative und außergewöhnliche Projekte einfacher verwirklichen und finanzieren lassen. Seit etwa fünf Jahren wird das sogenannte Crowdfunding (Schwarmfinanzierung) auch in Europa immer populärer. Damit ist eine Möglichkeit entstanden, kleine und große Projekte durch die finanzielle Unterstützung vieler Menschen und nicht nur einer Bank zu realisieren.

Die USA sind, was das Crowdinvesting angeht, Vorreiter geblieben. Dort wurden im Jahr 2015 33 Mrd. EUR durch die Crowd eingesammelt, in Europa waren es im selben Jahr 5,4 Mrd. EUR. Das Marktwachstum ist jeweils beeindruckend: In den USA wuchs der Markt um 210 %, in Europa immerhin um 90 % – davon träumen andere Wirtschaftsbereiche vergeblich. Dass auch in Deutschland Projekte mit der Crowd zum Erfolg führen können, hat bereits 2011 die Finanzierung des Kinofilms „Stromberg“ gezeigt. Innerhalb von nur einer Woche wurde eine Mio. EUR über eine eigene Website von der Crowd eingesammelt. Damit stand die Finanzierung des Films, es hatten sich 3.300 Crowdinvestoren beteiligt und konnten eine Rendite von 16 % über eine Laufzeit von drei Jahren realisieren. Die Investoren – vielen von ihnen passionierte Stromberg Fans – konnten sich aber nicht nur über eine gute Rendite freuen, sondern wurden namentlich im Abspann des Films genannt, erhielten eine Investoren-Urkunde, Premierentickets und wurden über den Stand der Dreharbeiten etc. auf dem Laufenden gehalten. So fühlten sie sich in das Projekt involviert – ein Wunsch, den viele Crowdinvestoren haben. Ihnen geht es nicht nur um eine Maximierung ihrer Rendite, sondern um das „Dabeisein“ bei „ihrem“ Projekt, sie möchten Insider werden.

Ob Nationaldenkmal oder Nischenfilm – die Crowd zahlt!

Die Idee ist so einfach wie genial und es gibt sie im Grunde schon sehr lange: Viele – mitunter tausende von Einzelpersonen – legen kleine Geldbeträge für die Realisierung einer Idee zusammen. Heraus kommt ein großer Betrag, mit dem der Plan in die Tat umgesetzt werden kann. Diese Art der Finanzierung hat ihre Anfänge eigentlich im Spendentum, denn auch hier vereinen Menschen, die von einer Idee begeistert sind, ihre Mittel und ermöglichen so die Erreichung eines bestimmten Ziels. So ist z.B. auch die Statue of Liberty in New York gewissermaßen der Crowd von New York zu verdanken. Frankreich hatte die Figur der Stadt am Atlantik zwar geschenkt, allerdings ohne Sockel. Dieser sollte von den wohlhabenden Amerikanern durch Spenden finanziert werden – was nicht funktionierte. Nach einem Aufruf von Joseph Pulitzer in seiner Zeitung „New York World“, in der er an die Begeisterung aller New Yorker appellierte, spendeten tausende Bürger auch kleinste Beträge. So machten viele kleine Beiträge ein Nationalmonument möglich.

Crowdfunding gliedert sich in vier Bereiche

Lending-based Crowdfunding: gemeinsam Geld verleihen und Zinsen bekommen. Beim Crowdlending verleihen die Anleger Geld an Privatpersonen oder auch an Unternehmen, die ein bestimmtes Projekt realisieren möchten. Das Geld wird für eine bestimmte Laufzeit vergeben und die Anleger erhalten vorher festgelegte Zinsen, die monatlich, jährlich oder endfällig ausgezahlt werden.

Reward-based Crowdfunding: gemeinsam kaufen und dadurch eventuell ein Produkt oder Event ermöglichen. Bei dieser Funding-Form bildet sich eine Gemeinschaft, die sich zum Kauf eines bestimmten Produktes oder einer Dienstleistung verpflichtet und bereit ist, diese unter Umständen auch vor der Erstellung der Ware zu bezahlen. Dadurch wird in vielen Fällen die Erstellung überhaupt erst möglich, da die Hersteller selbst über kein Produktionskapital verfügen.

Donation-based Crowdfunding: gemeinsam spenden. Das ist die klassische Form der Spende, die in der Regel aus ideellen Gründen getätigt wird. Belohnung für den Spender ist das Gefühl, etwas Sinnvolles und Gutes getan zu haben, anderen zu helfen und gegebenenfalls als Spender genannt zu werden. Eine monetäre oder materielle Belohnung gibt es nicht.

Equity-based Crowdfundig: gemeinsam Anteile am Gewinn eines Unternehmens sichern. Hier erwirbt der Anleger ein partiarisches Recht am späteren Unternehmenserfolg oder am Unternehmen direkt. Das bedeutet, dass er im Verhältnis seines Anteils am Erfolg beteiligt wird. In der Regel handelt es sich um qualifizierte Nachrangdarlehen. Im Falle einer Insolvenz des Unternehmens, in das der Anleger investiert hat, werden die Forderungen anderer Investoren (z.B. Banken) vorrangig bedient. Dies kann dazu führen, dass der Crowdinvestor sein Geld vollständig verliert.

Crowdfunding ist der Elchtest für Ideen

Daher sind sie nicht nur Geldgeber, sondern gleichzeitig auch Multiplikatoren – die Crowd ist eine nicht zu unterschätzende Marketing-Maschine und ein hervorragendes Testpublikum. Denn wenn ein Projekt, das auf einer Crowdinvesting- Website vorgestellt wird, kein Interesse und keine Unterstützer findet, ist das durchaus ein Hinweis darauf, dass die Idee vielleicht doch nicht so gut ist, wie die Initiatoren dachten.Was mit dem Stromberg-Film, der sich mit einer eigenen Website an seine potentiellen Finanzierer wandte, begann, ist heute schon viel professioneller aufgestellt. Auf großen und kleinen Plattformen stellen junge Finanzdienstleistungs- Unternehmen im Internet der Crowd die verschiedensten Projekte vor. Hier geht es von der Finanzierung nachhaltig produzierter Sneaker über das Fördern talentierter Jungfußballer bis hin zum Investment in große Bau- und Immobilienprojekte oder ökosoziale Initiativen. Kickstarter.com heißt die weltweit größte Site zu diesem Thema, in Deutschland führt Seedmatch GmbH (www.seedmatch.de) den Markt an. Das Crowdfunding-Informationsportal crowdfunding.de gibt einen Überblick über den Markt und die größten Player, erklärt die Funktionsweisen von Crowdfunding und informiert über Best-Practice-Projekte. Eines eint alle Crowdfunder: Sie sind nur im Internet unterwegs. Das Geschäft spielt sich virtuell ab, die Eintrittsbarrieren für die Investoren sind gering, der administrative Aufwand ist es auch. Die Betreiber der Plattformen verlangen – anders als Finanzdienstleister und Banken – keine Provisionen oder Bearbeitungsgebühren. Sie verdienen ihr Geld durch Abgaben, die sie von den Projektinitiatoren erhalten. Das ist natürlich reizvoll für den Investor, der sich teilweise mit kleinsten Beträgen an Projekten beteiligen kann.

Seriöse Crowd-Plattformen weisen wiederholt darauf hin, dass die Investoren ihre Einlagen vollkommen verlieren könnten. Ob diese Botschaft allerdings beim Empfänger ankommt und auch beherzigt wird, weiß niemand. Offensichtlich ist, dass die noch junge Crowdinvestment- Branche, die weiter wachsen will, um Seriosität und Zuverlässigkeit bemüht ist. So schlossen sich im April 2016 22 Crowdfunding-Plattformen zum Bundesverband Crowdfunding e.V. zusammen, um den Verbraucherschutz in diesem Bereich zu stärken und Qualitätsstandards zu entwickeln. „Crowdfunding hilft, die Finanzierung innovativer Unternehmen in Deutschland und Europa zu verbessern und sorgt so für mehr Wirtschaftswachstum. Wir sind zwar eine junge Branche, aber wollen deswegen frühzeitig auf Professionalität, Transparenz und hohen Investorenschutz setzen“, erläutert Jamal El Mallouki, Vorstandsvorsitzender des Verbandes in der Gründungserklärung des Vereins. Denn wichtig zu wissen ist, dass für partiarische Nachrangdarlehen, die im Crowdinvesting vor allem genutzt werden, keine Prospektpflicht besteht. Das hat den Vorteil, dass jungen Unternehmen keine Kosten für die Prospekterstellung entstehen und auch der Verwaltungsaufwand entfällt. Dies kommt dem Selbstverständnis der Crowd, die es gern schnell und unkompliziert hat, entgegen. Allerdings ist es auch schwieriger, sich über die Investitionsrisiken zu informieren und ein Projekt und die Projektbeteiligten zu beurteilen.

Die Bafin schaltet sich ein und der Kleinanlegerschutz greift

Die deutsche Finanzaufsichtsbehörde (Bafin) stellte daher im Jahr 2015 die Crowdinvestment-Branche unter das Kleinanlegerschutzgesetz, erlaubt aber Ausnahmen z.B. für die Projekte, die unter einer bestimmten Finanzierungssumme/ Einzelinvestment bleiben. So bleibt der Branche eine gewisse Flexibilität erhalten und die Anleger werden trotzdem geschützt. In Zeiten der Niedrigzinsen sind neue Anlagemodelle auch in alteingesessenen Branchen interessant. Die Website crowdinvesting. de hat in ihrem 5-Jahres-Erfolgscheck die Entwicklungen in Deutschland untersucht. Insgesamt über 125 Mio. EUR seien in dieser Zeit von der Crowd eingesammelt worden und in die Finanzierung von Unternehmen, Immobilien, Energie- und Filmprojekte geflossen. Die Studie untersucht die in den vergangenen fünf Jahren erfolgreich finanzierten Crowdfunding- Projekte und stellt fest, dass 84 % des investierten Kapitals noch investiert sind, was eine abschließende Beurteilung des Finanzierungserfolges erschwert.

Stärkstes Investmentsegment im Jahr 2016 sind laut der Studie Immobilien, bei denen es bei den betrachteten Finanzierungsrunden bisher keine Ausfälle gab. Auch die Flatow Advisory Partner (FAP), die in ihren Studien die Entwicklungen auf verschiedenen Kapital- und Anlagemärkten untersucht und darstellt, prognostiziert eine positive Entwicklung des Crowdfundings in der deutschen Immobilienfinanzierung. Besonders im Wohnungsmarkt, aber zunehmend auch in den Assetklassen Büro, Pflege, Studenten- und Mikroappartments nehme die Schwarmfinanzierung zu. Jörg Scheidler, Managing Director bei FAP: „Als junges, rasch wachsendes Marktsegment ist Crowdinvesting hochspannend. Es ist eine neue Anlageform, die sich weiter entwickeln und als eigenständiger Markt herauskristallisieren wird.“ Die Idee, kreative Ideen mit Hilfe von vielen Unterstützern unkompliziert umzusetzen, wird also langsam erwachsen. Trotzdem: Für (Ihre) guten Ideen wird sich auf einer der Funding-Plattformen sicher eine begeisterte Crowd finden lassen!

Expertenmeinung: Marcus Piskorz/Assetando Real Estate

Seit der jüngeren Vergangenheit können Anleger mit klassischen Sparprodukten wie Tages- oder Festgeld nur noch marginale Zinserträge erwirtschaften. Gleichzeit sind Immobilienfinanzierungen günstig wie selten zuvor, was sowohl zu einer rasanten Entwicklung der Bauaktivitäten führt als auch steigende Preise für Bestandsimmobilien nach sich zieht. Der zunehmend hohe Investitionsdruck vieler Investoren auf der Suche nach einer angemessenen Rendite führt ebenfalls verstärkt zu einer Steigerung der Immobilienpreise. An dem Immobilienboom wollen auch Kleinanleger partizipieren. Besonders in Ballungszentren steigen die Immobilienpreise jedoch seit geraumer Zeit deutlich und Anleger müssen für die Investition in eine eigene Wohnung oder ein eigenes Haus tief in die Tasche greifen. Der Trend scheint weiter anzuhalten und Mahner sprechen in Teilmärkten bereits von Überhitzung oder prophezeien sogar die Entwicklung einer Immobilienblase.

Marcus Piskorz - Assetando

Die Suche nach alternativen Investitionsmöglichkeiten und Teilhabe an boomenden Märkten bringt regelmäßig neue Trends hervor. Alternative Investitionsmöglichkeiten treten in Erscheinung, aktuell vermehrt zu beobachtend ist die Beteiligung durch das Crowdinvesting. Hierbei bringen Crowdinvesting-Plattformen im Internet Kleinanleger und Immobilienentwickler mit Finanzbedarf zusammen. Häufig werden nur wenige Prozent (5 % bis 15 %) der benötigten Investitionssumme über Crowdinvesting eingesammelt. Der überwiegende Teil wird in der Regel bei Kreditinstituten fremdfinanziert und ein kleinerer Teil ist Eigenkapital. Die mitzufinanzierenden Projekte reichen von Wohnungsneubau, über die Sanierung und den Umbau von Bestandsimmobilien bis hin zur Errichtung von Einkaufszentren, Pflegeeinrichtungen oder studentischen Wohnanlagen. Die Investition erfolgt hierbei häufig als Nachrangdarlehen. Der Investor erhält in diesem Fall auf seine Beteiligung eine festgelegte Verzinsung. Die Investitionszeiträume betragen häufig nur einige Monate bis wenige Jahre. Anleger können sich auch mit kleinen Beträgen an dem Projekt beteiligen. Nachteile an einer Immobilienanlage über Crowdinvesting sind das hohe Risiko bis hin zum Totalverlust der Anlagesumme sowie die mangelnde Fungibilität. Zudem erhalten die Investoren häufig nur den festgelegten Zins auf ihre Einlage und partizipieren nicht an einem möglichen Überergebnis des Immobilienprojektes.

Da Immobilienfinanzierung über Crowdinvesting relativ neu im Markt ist und viele der bislang finanzierten Projekte ihr Laufzeitende noch nicht erreicht haben, fehlt es aktuell noch an Erfahrungen mit dieser Anlageform. Insbesondere gibt es noch keine belastbaren Zahlen über die Ausfallquoten, welche sicher auch durch die Qualität der Projektinitiatoren beeinflusst werden. Dieser mangelnde Track Record und die weiter steigende Anzahl der Crowdinvestition-Plattformen im Internet erschweren die Identifikation des geeigneten Investitionsprojektes für einen Kleinanleger, dem oftmals die Immobilienexpertise fehlt. Wie bei jedem Investment sollten Investoren auch beim Crowdinvesting Risiken und Chancen sorgfältig gegeneinander abwägen. Anleger sollten zuerst in Erfahrung bringen, ob die gewählte Crowdinvesting-Plattform seriös ist. Dann sollten die zur Finanzierung angebotenen Projekte und die Qualifikation des Projektinitiators kritisch überprüft werden. Da die Investition in Immobilien über Crowdinvesting risikoreich ist, sollte das Engagement nicht fremd finanziert werden, sondern nur durch freie Liquidität erfolgen, auf die der Anleger im ungünstigsten Fall dauerhaft verzichten kann. Zudem sollten die Anleger auf eine ausreichende Diversifikation ihrer Investment auf verschiedene Projekte und Anlageklassen sowie Plattformen achten. Zu guter Letzt sollten Anleger ihre Geldanlagen ohnehin regelmäßig hinsichtlich der gewählten Risiko-Rendite-Struktur überprüfen und die Märkte beobachten, in denen sie investiert sind.

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